Hans Heinrich Härlen: „Meine Begegnung mit Leopold Ziegler und seinem Werk“

Etwa 15 Jahre nach dem Lesen des „Gestaltwandels“ – mittlerweile hatte ich Buchbesprechungen und Aufsätze über sein Werk veröffentlicht – war ich mit Leopold Ziegler in briefliche Verbindung getreten. Am 7. Juni 1936 lernte ich ihn persönlich kennen; ich besuchte ihn in seinem Efeuhaus in Überlingen. Daraus entstand eine Freundschaft, die bis zu seinem Tode währte. Einige Jahre vor seinem Tode wurde ich einer seiner Wahlsöhne.

Wahlsohn wurde ich, weil ich mir die gründliche Kenntnis seiner Werke erworben hatte. Leopold Ziegler war beeindruckt von der Hingabe, mit der ich mir seine Erkenntnisse anzueignen suchte. In seinem Brief vom 1.10.1936 („Briefe 1901-1958“, Seite 332) schreibt er mir: „Vor allem bewegt mich der große Ernst und die – schwäbische – Gründlichkeit, mit der Sie die Impulse der ‚Überlieferung‛ zu verarbeiten trachten“. Und wie mit Überlieferung, so mit jedem seiner Werke.

Leopold Ziegler war seinen Lesern und Verehrern gegenüber von einer „fast untragbaren Verantwortlichkeit“ erfüllt („Briefe 1901-1958“, Seite 332), und so suchte er sich in deren Welt hineinzufühlen und hineinzudenken, woraus ihm dann zuweilen die eine oder andere Anregung zufloß. Ich erinnere mich an zwei Anregungen, die ich ihm für seine Arbeit geben konnte. Einmal, indem ich ihn auf Mereschkowskis Buch „Geheimnis des Westens, Atlantis-Europa“ hinwies. Ziegler war tief betroffen von der „ungefähren Gleichzeitigkeit“ seiner und Mereschkowskis Gedanken über die Große Mutter (Ziegler, „Apollons letzte Epiphanie“, Seite 119). Mein zweiter Hinweis betraf das Werk des evangelischen Theologen Rudolf Otto, ein Hinweis, den Ziegler mit lebhaftem, ja leidenschaftlichem Interesse aufnahm. Er ließ sich die Werke von Rudolf Otto kommen. Von seiner intensiven Beschäftigung mit Otto zeugen die vielfachen Erwähnungen in seinem Werk „Menschwerdung“.

Sonst aber, wie könnte es anders sein, war Leopold Ziegler in unseren Gesprächen der Gebende. Auch während meiner Bühnenlaufbahn blieb er der Praezeptor Germaniae besonders hinsichtlich meiner klassischen Rollen, sei es nun Faust, der Große Kurfürst, Octavio Piccolomini, Thoas, Kandaules. Immer wußte er das Wesentliche herauszugreifen, und immer wieder aufs neue erwies sich, wie stark er in unseren Klassikern wurzelte; wie übrigens in den Dichtern überhaupt.

Es war für mich ein tief empfundenes Anliegen, meine Gabe der Wort- und Sprachgestaltung in den Dienst des Werkes Leopold Zieglers zu stellen. Ich gab Ziegler-Lesungen mit einführenden Worten in kleinen, privaten Kreisen, aber auch öffentlich, unter anderem im Kulturbund Stuttgart und im Rundfunk. Höhepunkt war die Lesung im Kulturbund Überlingen, 1948. Es gelang, Zieglers Widerstand, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, zu überwinden. Er saß in der ersten Reihe, und als ich bemerkte, wie ihm die Tränen kamen, wurde meine Lesung noch eindringlicher, gewissermaßen von der Gegenwart des verehrten Mannes inspiriert.

Nach Beendigung der Lesung kam der französische Kulturoffizier, im Zivilberuf Germanist an der Sorbonne, auf Ziegler und mich zu und dankte in deutscher Sprache mit bewegten Worten für das unauslöschliche Erlebnis dieses Abends. So begegnete der Franzose in Leopold Ziegler nach dem Zusammenbruch einem der größten und tiefsten Geister des anderen Deutschlands.

Archiv der Leopold-Ziegler-Stiftung.