Adolf Frisé: „Der Einsame vom Bodensee“

Zum 70. Geburtstag Leopold Zieglers am 30. April

Er war mir nicht gerade als Misanthrop, aber doch als menschenscheu, ja verkapselt geschildert worden. Unser Gespräch indes stockte keinen Augenblick. Im Gegenteil. Ich vergaß sogar, daß er, seit Jahren dreiviertel blind und „der Welt ausgeliefert“, kaum mehr als einen schattenhaften Umriß von mir wahrnahm. Federnd, temperamentvoll, schmal asketisch, ohne jeden Anflug von „philosophischer Schwere“, auch völlig ohne „Seher“-Würde, mit immer noch merkwürdig anspringenden, beinahe ungetrübt wirkenden Augen, schien es ihn allenfalls zu strapazieren, daß er drei Stunden auf einem Fleck sitzen mußte.

Der Goethepreisträger des Jahres 1929 (der dritte nach Albert Schweitzer und Stefan George) hat sich, der „geborene Unlehrer“, wie er sich nennt, immer als Einzelgänger unter den deutschen Philosophen gesehen. Ganz bewußt wählte er die „Narrenfreiheit“ des nicht beamteten Forschers. Schon Carl Heinrich Becker, der wohl liberalste nicht nur aller preußischen Kultusminister, wollte ihn auf einen Lehrstuhl setzen; später, vor nun zwanzig Jahren, spielte auch Heidegger mit dem Gedanken eines Freiburger Extraordinariats für ihn. Heidegger im übrigen ist seit seiner Schrift „Über den platonischen Wahrheitsbegriff“ der einzige unter unseren zeitgenössischen Denkern, der Ziegler innerlich nahesteht. Die „Holzwege“ zählten zu den wenigen Neuerscheinungen, die er sich vorlesen ließ.

Seinen Abstand vom philosophischen Lehrbetrieb definiert er lediglich als „Gegenteil einer Nähe“, die Professorenfeindschaft Schopenhauers ist ihm fremd. Eine seiner jüngsten, noch unveröffentlichten Schriften heißt: „Universitas aeterna“, der Entwurf für eine europäische Universität. Er hält sie mit ihren knapp hundert Seiten für seine heute rundweg wichtigste Arbeit. Er plant keine vielhundertseitigen Standardwerke mehr wie den „Gestaltwandel der Götter“, der ihn – „mein einziger echter Erfolg“ – kurz nach dem ersten Weltkrieg berühmt machte. Er schreibe nun nur noch „Extrakte“, Gedankenkonzentrate, die die Katastrophe überdauern könnten. Katastrophe? Er ist überzeugt, daß es „eine Minderheit meines Glaubens auf der Erde gibt, die sie überflüssig macht“. (. . .)

Ein Prediger in der Wüste? Ja und nein. Er suchte früh, schon 1919, und freiwillig die Stille und Unabhängigkeit. Zuerst auf einem Dorf bei Lindau, danach in Überlingen. Er wisse von Menschen, sagt er – unbegreiflich bescheiden und genügsam – für die seine Arbeit, innerlich und äußerlich, lebensbestimmend geworden sei. Er klagt nicht, mit keinem Wort, obwohl sein Mäzen (ja, ein Mäzen!), ein Zeitschriftenverleger aus Thüringen, der viele Jahre hindurch die schützende Hand über ihn hielt, seit 1945 selbst mittellos ist. Von dem Fenster seines Arbeitszimmers erkennt er den See unter sich und die Berge dahinter nur noch als einen milchig schimmernden Strich. Er lebt hier wie auf einer Insel. Einsam? Darüber sprach er nicht. Er sprach zum Schluß von seinen „Wahlsöhnen“, die bei ihm und seiner verstorbenen Frau Hausrecht genossen. Einer von ihnen hat sich zum Anwalt unserer verwahrlosten Nachkriegsjugend gemacht. Mit spürbarem Stolz zeigte Ziegler mir dessen Erstlingswerk: die Biographie des siebzehnjährigen Doppelmörders Wilfried Helm. Fritz Bembè, der Autor, erscheint ihm als ein neuer Typus des „Menschenfreundes“. Ich hatte das Gefühl, daß es für ihn der höchstmögliche Ausdruck des Lobes war.

DIE ZEIT, 30.4.1951.